Boysetsfire – Interview – 03/24/06
Boysetsfire sind wohl den meisten seit ihrem 2001 erschienenem Klassiker „After the eulogy“ ein Begriff. Anfang dieses Jahres meldeten sie sich endlich mit ihrem Nachfolger zum Majorlabel Album „Tomorrow come today“ zurück und wollen damit wieder gleichermaßen neue und alte Fans begeistern.
Mit ihrem neuen Album im Gepäck tourten sie auch fast den ganzen März durch Europa und am 24.3 bei ihrem Konzert hatte ich die Möglichkeit mit Josh (Gitarrist) (der immer eine witzige Antwort auf die Fragen wusste) und Chad (Gitarrist) ein Interview zu führen.
Boysetsfire haben die schwierigen letzten 3 Jahre sehr gut weggesteckt und sind wieder mit voller Leidenschaft dabei, was man sowohl im Interview als auch beim Konzert merkte.
MS: Wie läuft die Tour?
C: Sehr gut, wir haben eine Menge Spaß.
J: Es ist immer toll in Europa. Wir lieben alles hier; das knusprige Brot, Käse, richtiges Gemüse…
C: Wir lieben es in der Öffentlichkeit zu urinieren …
J: Ja das gehört zu meinen Favoriten, dass macht ihr wirklich sehr gut! (alle lachen)
MS: Mit welchen Bands seid ihr unterwegs?
C: Tribute to Nothing, sie sind die einzigen die uns auf dieser Tour unterstützen und sie sind richtig geil…
J: Sie sind einfach Klasse, eine neue Art von britischem Emo, „Bremo“ (lacht).
MS: Eure neue CD „The Misery Index: Notes From The Plague Years“ ist jetzt seit gut einem Monat in Europa erhältlich, wofür steht der Titel und seid ihr glücklich über die Reaktionen von Fans und der Presse?
C: (zu Josh:) Ich übernehmen den ersten Teil, du den zweiten…
J: OK!
C: The Misery Index: Notes From The Plague Years, ist wie eine Art Tagebuch zu sehen. Sie beinhaltet Aufzeichnungen über die letzten 3 Jahre von persönlichen Erfahrungen und Dingen, die uns sehr beschäftigt haben. Mit dieser CD war sowieso alles viel schwieriger, die Pre-Production, die Proben usw. Bis wir dann schließlich an dem Punkt angelangten „Fuck it“, nehmen wir die CD einfach selber auf. Und ….
J: …bisher scheinen die Reaktionen recht gut zu sein, all die neuen Songs, die wir live spielen kommen recht gut an und ich habe auch ein paar Reviews gelesen die auch allesamt recht positiv ausfielen….
C: .. aber wir als Band achten nicht so stark da drauf, es ist super wenn den Leuten unsere Musik gefällt, aber du kannst es nun mal nicht von jedermann erwarten. Wir haben das hinter uns gelassen immer darüber nachzudenken, ob den Leuten das gefallen könnte.
J: Ich kann mich noch an ein Review unserer ersten Demo erinnern, die CD wurde total auseinander genommen, sie behaupteten Nathan würde wie Neil Sedaka klingen und alles in allem fanden sie die CD einfach scheiße. Das hat uns damals sehr weh getan und mitgenommen
MS: Wie viele neue Lieder werdet ihr heute spielen?
C: 7 ?!, aber ich bin mir nicht sicher…., so gut wie 1/3 unsere Sets besteht aus neuen Lieder und es ist ein verdammt langes Set, fast 3,5 Stunden (lacht)…Nein, aber es sind wirklich fast 2 Stunden, die wir heute spielen werden.
MS: Wieder zurück zum letzten Album, wieso ist die CD dieses Mal nicht mehr so politisch ausgefallen wie z.B. der Vorgänger „Tomorrow Come Today“?
C: Wir haben nicht von Anfang an gesagt, dass die CD weniger politisch sein sollte, denn unsere letzte CD sollte von vorn herein sehr politisch werden, hier aber schrieben wir einfach wieder Lieder über Dinge, die uns so durch den Kopf gingen und die uns beschäftigen….
J: Ich glaube eine Vielzahl der Leute ist auch langsam schon genervt, da es jetzt nun mal in ist Bush zu hassen. Als wir solche Sachen damals sagten, haben wir wirklich Schwierigkeiten und alles bekommen….
C: … ja unsere Plattenfirma lies einen „R-Sticker“ auf unsere CD kleben, damit jeder wusste dass sie nicht unserer Meinung sind und diese auch nicht unterstützen…
J: .. aber seitdem Green Day so etwas tun ist es scheinbar OK und auch verkraftbar für die Plattenfirmen.
C: Und nichtsdestotrotz sind immer noch politische Lieder auf der neuen Scheibe, es ist wieder mehr eine Mischung von verschiedenen Themen wie auf unseren alten CDs finde ich.
MS: Wofür steht der „War Prayer“ am Ende von „A Far Cry“ dem letzten Lied auf der neuen CD?
C: Genau, dass was er repräsentieren soll. (Josh lacht) Hast du ihn mal gelesen?
MS: Ja, habe ich.
C: Ich meine wenn man dafür betet, dass die Soldaten und die Leute deines Landes sicher sind, betest du doch im selben Moment auch dafür dass dies jemand anderen nicht passiert. Du musst verstehen, wir sind Amerikaner, wir erleben die Welt durch „Amerikanische-Augen“, wir haben damit versucht, unsere Sicht über die amerikanische Regierung und über die Militärs der ganzen Welt aufzuzeigen und anderen Leuten zu zeigen, dass wir für so etwas beten, wenn uns gesagt wird „Ihr müsst die Truppen unterstützen“. Aber vielleicht kann ich sie als einzelner nur als Menschen unterstützen und hoffen dass sie sicher und heil wieder nach Hause zurückkommen. Denn ich muss sie nicht unterstützen indem ich dem „Feind“ oder anderen Nationen Sachen wünsche, welche ich selbst nicht erleben möchte. Ich weiß zwar nicht, ob dass einen Sinn ergibt, aber es war einfach ein Versuch, eine persönliche Sicht über Krieg darzulegen und nicht die Sicht die man uns versucht zu Hause einzutrichtern.
MS: Ihr habt ja vorhin bereits gesagt, dass es euch in Europa gefällt, habt ihr auch ein Lieblingsland hier?
J: Ich mag Tschechien, denn dort kommen wir nie hin. (lacht).
C: Wir spielen Konzerte in England, die Reaktionen sind großartig, dann spielen wir ein Konzert in Italien z.B., dort sich zwar nicht so viele Leute, aber trotzdem macht es eine Menge Spaß, deswegen würde ich nicht sagen dass ich ein Lieblingsland habe.
MS: Ist irgendjemand in Boysetsfire Vegetarier?
C: Ja, ich ..
J: Ich ebenfalls, Robert ist Veganer…
C: … und Nathan versucht es schuldbewusst.
MS: Aus welchen Gründen habt ihr die Band gegründet?
C: Da wir uns mochten und Freunde waren. (lacht)
J: Wir spielten beide Gitarre, daher entschlossen wir uns eine Band zu gründen…
C: ..politisch zu sein und auf Tour zu gehen (alle lachen). Das war der Grundgedanke und es hat ja auch funktioniert.
J: Zum Teil ja. (lacht).
MS: Was würdet ihr tun wenn ihr nicht in Boysetsfire spielen würdet?
J: Ich glaube ich wäre Englischlehrer und über die großen Werke unsere Zeit unterrichten (lacht).
C: Ich würde wohl Möbel herstellen. Das habe ich auch davor gemacht.
MS: Wie würdet ihr einen typischen Boysetsfire-Tag beschreiben?
J: Viele Nickerchen. (lacht)
C: Ja viel Schlaf, ein paar Bier, vielleicht ein Spaziergang, ein Konzert, viel Spaß und ein paar Zigaretten.
J: Hast du den Film „Täglich grüßt das Murmeltier gesehen“? Wenn du aufwachst und jeden Tag immer das gleiche passiert? So ist unser Leben (lacht).
MS: Und eine typische Boysetsfire-Tour?
J: Viele typische Boysetsfire-Tage. (alle lachen)
C: Wir sind sehr überzeugt von dem was wir tun, deshalb würde ich sagen ist ein Boysetsfire-Tag einfach ein Tag mir sehr viel Spaß.
J: Wir proben meistens einwenig, manchmal gehen wir auch Sight-seeing, wenn wir Zeit haben. In London z.B. sind wir mit dem Doppeldecker gefahren und es war so verdammt kalt, dass wir dann noch in ein warmes Museum gingen. Wir versuchen so viel wie möglich auf Tour zu machen, aber oft haben wir keine Zeit, da wir dann wieder hier in der Location sein müssen, um z.B. Interviews zu geben oder für den Soundcheck usw.
MS: Wie würdet ihr Boysetsfire in einem Satz beschreiben?
C: Mein ganzes Leben.
J: Ja das reicht. (lacht)
MS: Was waren eure Lieblingsbands in eurer Jugend und welche haben Boysetsfire beeinflusst?
C: Ich glaube fast alles, auch wenn man es nicht direkt bei Boysetsfire merkt. (zu Josh): Ich meine ich höre zum Teil dieselbe Musik wie du, wie wärs wenn ich deine Lieblingsbands sage und du meine?
J: Einverstanden. (lacht)
C: Ich glaube Josh wurde sehr von „The Smiths“, „U2“, „Dead Kennedeys“, „12 Hours of Crass“ beeinflusst, er hat sogar die „12 Hours of Crass CD“…(lacht)
J: (lacht) Die gehört gar nicht mir! Depeche Mode, die höre ich sehr gerne.
C: Bands dieser Art haben ihn sehr beeinflusst…
J: “Samiam”
C: Ja, “Samiam”
J: Ich habe jede CD von ihnen, eine sehr gute Band. Bei Chad würde ich sagen, The Beatles, Queen, Stones, hast du die Stones gemocht?
C: Ja habe ich.
J: Sachen auf die du nicht kommen würdest wenn du ihn dir so ansiehst, er liebt Slayer. (Chad lacht). Twisted Sister.
C: Ich mochte Twisted Sister, die hatten eine gute CD wie heiß die …
J: „Stay hungry“ (alle lachen)
C: Ja genau.
J: Ein tolles Album. (lacht)
MS: Was war eure beste und eure schlechteste Show?
C: Ich kann das nicht beantworten, da jedes Konzert etwas eigenes hat. In Berlin haben wir mal unser größtes Konzert überhaupt gespielt, da waren über 170.000 Leute, einfach lächerlich. Die Sonne ging gerade unter und das war einer dieser Momente, an den ich mich zurückerinnere, ich stehe hier auf der Bühne vor so vielen Menschen, mit meinen besten Freunden, wie bin ich hierher gekommen? Das war so ein Moment, aber dann hatten wir auch andere Konzerte wo nur ein paar Hundert Leute da waren, aber auch sie hatten eine Menge Spaß. Daher ist es schwer zu sagen, was die schlechteste und was die beste Show war. Ich glaube, das schlechteste Konzert von mir war in Milwaukee, ich war so frustriert wegen meinem ganzen Equipment, ich hab einfach meine Gitarre genommen und bin gegangen.
MS: Eure erste CD „ The day the sun went out“ wurde vor ein paar Wochen wiederveröffentlicht als Remastered-Version, weshalb und seid ihr jetzt zufrieden mit dem Sound der Platte?
C: Ah…, bei der ganzen CD weiß ich nicht so. Ich meine wir haben sie damals aufgenommen mit max. 1200$, und wenn du auf dieser CD einen Übergang von hartem Gitarren-Sound zu ruhigerem hörst, passt das alles nicht so wunderbar. Die Firma die die CD ursprünglich veröffentlichte ging pleite, und wir wollen nicht das es „Sammelstücke“ von uns gibt, mit denen der eine vor dem anderen posen kann, von daher haben wir die CD über unser jetziges Label noch mal veröffentlichen lassen.
MS: Mögt ihr es Autogramme zu geben oder findet ihr es lächerlich?
J: Ich mag es nicht unbedingt, vielmehr würde ich mit den Leuten einfach ein bisschen reden. Ich persönlich habe nie nach einem Autogramm gefragt…… nein halt das stimmt nicht, ich habe einmal nach einem gefragt, aber das war für Nathan, denn er war zu schüchtern (lacht). Aber ich würde Autogramme mit einem Lächeln geben, da es anderen Leuten wohl etwas bedeutet.
C: Es fühlt sich schon komisch, aber wenn es jemanden einen tollen Tag beschert, dann werde ich das natürlich machen.
MS: Ihr habt ja eine harte Zeit durchgemacht über die letzten Jahre, was war der Hauptgrund, dass ihr als Band zusammengeblieben seid?
J: Wir sind alle Heroin abhängig und Nathan ist unser Dealer und er würde uns den Stoff nicht geben, wenn wir nicht weiterhin zusammen spielen würden. (alle lachen)
C: Ja das stimmt allerdings. (lacht) In Wahrheit haben wir uns alle einfach sehr gern, trotz der vielen Unterschiede zwischen uns, die man nicht auf den ersten Blick sieht. Wir schauen einfach einer nach dem anderen und helfen uns gegenseitig, aber sagen uns untereinander schon nicht mehr, dass wir uns so gerne haben, da es …
J: Schwul ist. (lacht)
C: Genau. (lacht) Es gab viele Zeiten, wo es wirklich schien, dass es keinen Grund mehr gibt für uns hier zu sein, aber wir lieben einfach was wir tun und sind mit Leidenschaft dabei. Vor allem Josh und Nathan wollten einfach nicht dass die Band zu Grunde geht, denn Ich, Matt und Robert hatten oft das Gefühl, dass wir einfach nicht mehr können.
J: Es ist wie bei der Mafia (lacht). Wenn du mal drin bist, kommst du so leicht nicht mehr raus.
MS: Das wars, vielen Dank, hat sehr viel Spaß gemacht mit euch beiden.
C&J: Wir danken dir, bis später bei der Show.

Eine Antwort schreiben